Wer kennt wohl nicht den Film „Zurück in die Zukunft“ aus dem Jahre 1985. Ein Teenager, Marty McFly, nimmt an einem verrückten Experiment des Wissenschaftlers Doc Brown teil, bei dem es darum geht, 30 Jahre in der Zeit zurückzureisen.

McFly entstammt einer Familie, in der der Vater sich unterdrückt durch seinen Vorgesetzten als totaler Versager und wenig präsent darstellt. Zudem ist die Mutter Alkoholikerin und auch die Geschwister leben ein wenig erfolgreiches Leben. Auf seiner Zeitreise landet McFly nun 30 Jahre vor seiner Zeit im Jahr 1955 und trifft dort kurz vor dem Zeitpunkt, von dem er weiß, dass sie sich kennen gelernt haben, auf seine noch jugendlichen Eltern. Seine Mutter, eine bildhübsche, junge und selbstbewusste Frau verliebt sich durch einen kuriosen Zufall nun genau in ihn und er merkt, dass er die Vergangenheit dahingehend beeinflusst, dass sich auch die Zukunft wandelt. Sein Vater, ein selbstunsicherer Spanner, der mehr mit den von ihm verfassten Science-Fiction-Geschichten zu tun hat, als mit dem Rest der Welt stellt sich auch bereits in der Vergangenheit als Versager heraus.

Um sich und seine Familie zu retten und damit seine Zukunft zu sichern, beginnt er, die beiden dennoch miteinander zu verkuppeln und – wie der Zufall es will – rettet sein jugendlicher Vater die Frau, in die er sich verlieben soll, vor genau demjenigen, der ihn auch in McFlys Erinnerung an die Zukunft ständig unterdrückt. Das Schicksal nimmt nun also doch seinen Lauf, aber etwas ist anders: Nachdem McFly mit Hilfe von Doc Brown wieder in seine wirkliche Zeit zurückkehrt, muss er feststellen, dass seine Mutter nunmehr keine Alkoholikerin ist und auch seine Geschwister ein erfolgreiches Leben führen. Zudem ist sein Vater nun der erfolgreiche Autor von Science-Fiction-Geschichten und derjenigen, der ihn in der Jugend unterdrückt hat, führt jetzt das Leben eines totalen Versagers.

Der Film war in den 80er Jahren ein voller Erfolg – nicht nur wegen der schauspielerischen Leistungen und der witzigen Story mit Kultcharakter. Er spielte zudem auf ein gesellschaftliches Phänomen an, dass viele Menschen in dieser Zeit unbewusst beschäftigt hatte: Er verarbeitete auf humorvolle Art die Probleme der Jugendlichen der 80er Jahre mit ihren Eltern, die zumeist Kriegskinder oder aber Kinder von Kriegskinder waren. Er stellte durch seine Handlung etwas dar, was sich viele unbewusst wünschten, nämlich die Veränderung einer als defizitär erfahrenen Kindheit hin zu einer Erfolgsgeschichte. McFly war es so, stellvertretend für viele auch der Vietnamveteranen, gelungen, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit verlorene Jugend zu retten und zu heilen. Es war möglich – zumindest im Film.

Es ist in letzter Zeit viel über die Traumatisierten der letzten Kriege geschrieben worden, nicht zuletzt durch Wolfgang Schmidbauer und Sabine Bode. Viele derjenigen, die einst traumatisiert ihre Heimat wieder erreichten oder aber durch den vollständigen Heimatverlust traumatisiert wurden, fehlten die Worte für ihren Schmerz – es fehlten Worte für das, was erlitten worden ist. Und auch in den Familien dieser Menschen fanden sie oft keine emotionale Zuflucht mehr. Männer waren plötzlich emotionale Leerstellen im Familiengefüge, die nicht mehr für ihre Partnerinnen und Kinder da sein konnten. Frauen lebten in beständiger Angst, die Lieben plötzlich zu verlieren – und nichtsdestotrotz musst das Leben weitergehen. Der deutsche Film in den 50er Jahre spiegelt dies wider: Zum Einen finden sich viele Heimatfilme, in denen es um die heile Welt geht, zum anderen finden sich eine nicht unerhebliche Zahl an Filmen, die das Trauma des Krieges zu verarbeiten trachteten. Als Beispiel mögen hier dienen „Nacht fiel über Gotenhafen“ (der Untergang der Wilhem Gustloff), „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ (Stalingrad und der Untergang der 6. Armee) und „Die Brücke“ (Jugendliche kämpfen in den letzten Tagen an der Heimatfront).

Mit dem Beginn der 60er Jahre allerdings, und damit einhergehend mit dem Erfolg des Wirtschaftswunders, verschwand dies Thema bis zum Beginn der 80er Jahre aus dem deutschen Film. Die Traumatisierten hatten den Aufbau in Schwung gebracht und das gesellschaftliche Leben schien wieder in geordneten Bahnen zu laufen – über Verlust und Verletzung wurde öffentlich kaum mehr gesprochen. Es kehrte ein Schweigen ein, von dem auch die Kinder der Traumatisierten betroffen waren – sie waren emotional betroffen, denn sie spürten die Leerstellen und konnten sie nicht hinterfragen. Sie übernahmen sie oftmals als ihre eigenen Leerstellen und sahen sich selbst als Ursache oder doch zumindest die Ursache als in ihnen liegend. Die Traumata waren verinnerlicht worden und schwiegen und während die Menschen weitgehend in materieller Sicherheit dem Aufschwung folgte, blieben Emotionen teilweise auf der Strecke. Seit einigen Jahren wissen wir jedoch, dass es insbesondere die emotionale Bindung eines Kindes an die Bezugspersonen ist, die ein wichtiger Teil der Resilienz ist, die ein wichtiger Teil dafür ist, auch Krisen gut zu überstehen und zu einem reifen Menschen heranzuwachsen.

Heute ist es daher ein Ansatz, insbesondere der Systemischen und der Hypnotherapie, imaginierte Phantasiereisen in die eigene Vergangenheit und sogar darüber hinaus in die Vergangenheit der eigenen Familie zu unternehmen und dort nach versteckten Aufträgen, Defiziten und Verletzungen zu schauen und diese im Rahmen der Phantasie zu erfüllen, bzw. zu heilen. Genutzt wird hier ein Mechanismus des Gehirns, der es ermöglicht, imaginierte Erfahrungen denjenigen Erfahrungen gleichzustellen, die tatsächlich gemacht wurden. Man unterscheidet in diesem Sinne also zwischen realen Erfahrungen und Als-Ob-Erfahrungen. Beteiligt hier sind neben den Spiegelneuronen auch neuronale Prozesse, die entsprechend der bildhaften und spürbaren Qualität der Vorstellung den Hirnstoffwechsel dahingehend verändern, dass im Nachgang an die Vorstellung andere neuronale Netzwerke aktiviert werden können als bisher. Das wiederum ermöglicht andere Gedanken- und Handlungsweisen, die – im therapeutischen Kontext – zu hilfreicherer Alltagsbewältigung und Umgang mit Situationen ermöglichen.

Gerade für die Betroffenen und Nachkommen derjenigen, die in Kriegen zum Teil mehrfach und/oder schwerst traumatisiert wurden, ist dies eine Möglichkeit, das eigene Leben dahingehend zu reflektieren und auf konstruktive Art und Weise zu verändern. So können z.B. unausgesprochene familiäre Aufträge zugeordnet und entsprechend bearbeitet werden. Auch können Leitsätze, die der Familientradition entstammen und von den Nachkommen unhinterfragt übernommen wurden, umgewandelt oder abgelegt werden. So kann durch die angeleitete Phantasie die Vergangenheit zu einem schöneren, liebevolleren Ort werden und die Last des Schweigens der traumatisierten Eltern und Großeltern abgelegt werden, die wie eine schwere Decke über dem eigenen Leben gehangen hat.

Kehren wir also zurück in die Zukunft, wir, die wir das Leben unserer Vorfahren gelebt und das eigene Leben vernachlässigt haben. Es ist also nie zu spät, eine schöne Kindheit zu haben und aufzuwachen, um das eigene Leben zu leben

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