Konflikte sind normal – warum werden sie dann oftmals als belastend empfunden?

Es gibt vermutlich keinen Menschen, der nicht irgendwann einmal in seinem Leben einen Konflikt als belastend empfunden hätte. Doch bei den meisten Menschen im deutschen Sprachraum, vielleicht sogar im westlichen Kulturraum, werden Konflikte fast ausschließlich als negativ und belastend empfunden. Das hat nachvollziehbare Gründe.

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Die meisten Konflikte, die ein Mensch erlebt, nimmt er nämlich gar nicht als solche wahr. So bringt viele Menschen bereits das morgendliche Klingeln des Weckers in den ersten Konflikt: Stehe ich sofort auf oder genieße ich noch einen Moment unter der Bettdecke. Das Wörtchen „oder“ signalisiert hier, dass nicht nur eine Alternative vorhanden zu sein scheint, sondern auch, dass hier zwei Interessen im Konflikt miteinander stehen, die eine Entscheidung erfordern. Mal ehrlich – kein Mensch würde das als echten Konflikt beschreiben, zumal ja in der Regel innere, erlernte Automatismen und Gewohnheiten hier der Entscheidungsfindung oftmals zur Hilfe eilen.

Und auch zwischenmenschliche Konflikte fallen uns zumeist kaum auf. Man begegnet sich im Gang und scheinbar automatisch geht der Eine zur einen Seite und der Andere zur anderen Seite. Klar, manchmal kommt es zu einer kurzen Irritation und man schaut sich an – nur um dann stillschweigend ein Abkommen zu treffen, dass der Eine zur einen und der Andere zur anderen Seite geht. Man geht weiter und nach kürzester Zeit ist der Konflikt vergessen. Konflikte sind eben normal und gehören zum Alltag.

Das Problemfeld:
Wenn man allerdings im Alltag von Konflikten spricht, sind vor allem jene Konflikte und Situationen gemeint, die nicht einer schnellen Lösung zugeführt werden können, oder an denen Emotionen hängen. Hier stellt man fest, dass die versuchten und angestrebten Lösungen scheitern – sei es, weil nicht die richtigen Ressourcen vorhanden sind, oder aber, weil das Gegenüber Vorstellungen von einer Lösung entwickelt hat, die den eigenen Lösungen widersprechen. Je wichtiger dem Einen hier – emotional gesehen – eine Lösung ist, desto stärker fallen die gescheiterten Lösungen ins Gewicht und es entstehen Probleme, gerade obwohl die eigenen Lösungen doch zuvor als ausgesprochen sinnvoll bewertet wurden.

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In aller Regel führen diese Probleme – gerade im zwischenmenschlichen Bereich, aber eben auch im innerpsychischen Bereich – dazu, dass man sich intensiver um Lösungen bemüht. Die meisten Menschen versuchen daher in solchen Situationen, ihre bewährten Strategien zur Problemlösung zu intensivieren. Sie machen dabei leider oft mehr von dem, was zur Entstehung des Problems beigetragen hat, so dass eine Lösung in immer weitere Ferne zu rücken scheint. Der Konflikt eskaliert und wird damit zunehmend zur Belastung. Und interessanterweise ist das auch der Grund, warum das Wort „Konflikt“ mit unangenehmen Assoziationen behaftet ist. Hinzu kommt, dass der jeweilige Kontrahent immer mehr zu einem Feindbild heranwächst, weil er ja scheinbar den eigenen, sinnvoll erscheinenden Lösungen wie ein Narr im Wege steht. Über Kurz oder Lang löst dann schon allein der Gedanke an den Kontrahenten Aggressionen aus.

Ist diese Stufe erst einmal erreicht, fällt es den meisten Menschen schwer, innerlich Abstand vom Geschehen zu wahren und gelassen zu bleiben. Im Gehirn verringert sich die Aktivität in Bezug auf mögliche Lösungen soweit, bis diese nur noch in den frontalen Hirnarealen nachweisbar ist. Gerald Hüther, der renommierte Göttinger Neurobiologe, illustriert dieses Phänomen gerne in seinen Vorträgen, wenn er einen Versuchsaufbau schildert, bei dem die Hirnstromaktivitäten bei Männern gemessen werden, die in einer Simulation einmal selbst am Steuer eines Rennwagens sitzen und einmal nur als Beifahrer. In letzterer Situation des Versuchs ist in vielen Hirnarealen Aktivität messbar, in der Ersteren ist die Aktivität auf einen kleinen Bereich des Frontalhirns reduziert. Es sieht auf den Bildern des MRT dann so aus, als wäre vorne auf der Stirn nur noch eine kleine Taschenlampe in Aktion, die Licht ins Dunkel des Problems bringen soll – man ist im wahrsten Sinne des Wortes fokussiert und sieht nicht mehr, was links und rechts des Lichtkegels liegt.

Um es humorvoll auszudrücken, kann man sich den Witz vor Augen führen, bei dem ein Betrunkener im Schein einer Straßenlaterne am Boden herumkriecht und etwas zu suchen scheint. Zwei zufällig ankommende Polizisten fragen ihn, was er denn suche und er erwidert, er würde seinen Haustürschlüssel suchen. Die Polizisten beginnen, ihn mit ihren Taschenlampen bei seiner verzweifelten Suche zu unterstützen, bis einer von ihnen den Betrunkenen fragt, wo genau er denn die Schlüssel verloren habe. Dieser antworten lapidar: „Dort hinten!“, worauf die Polizisten ihn wiederum fragen, warum er dann nicht auch dort suchen würde. Der Betrunkene erwidert daraufhin abschließend, dass es hier, wo er jetzt suchen würde, heller sei und er so besser sehen könne.

Gerade in Deutschland hat sich auf dieser Basis über die Jahre allerdings eine Streitkultur eingeschlichen, die eine konstruktive Beilegung von Konflikten eher erschwert, als vereinfacht. Richtig ist natürlich, dass es immer auch Konflikte gibt, die durch die Beteiligten nicht zu lösen sind – sei es, weil der Konflikt zwar von einer Seite als unerträglich wahrgenommen wird, die andere Seite jedoch für sich keinen Grund erkennt, eine Lösung herbeizuführen, sei es aber auch, weil der Konflikt bereits derart eskaliert ist, dass die Beteiligten einander emotionale oder gar physische Verletzungen beigebracht haben.

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Hier kann eine Lösung in aller Regel am ehesten durch einen Dritten, in diesen Fällen also oftmals durch Gerichte und ihre Urteile, erreicht werden. Das daraus resultierende Problem allerdings ist, dass immer eine Seite aus solchen Prozessen als Verlierer hervorgeht – manchmal sind es auch beide Seiten, die verlieren. Ein weiteres, daraus folgendes Problem ist, dass viele Gerichte inzwischen überlastet sind und Urteile erst nach vielen Monaten erreicht werden – von ihrer Vollstreckung einmal ganz abgesehen, denn diese kann sich nach der Urteilsfindung noch weitere Monate hinziehen.

Ein wesentlicher Grund für diese langwierigen Prozesse ist dennoch eine Streitkultur, die vor allem darauf ausgerichtet ist, vor Gericht Recht zu bekommen und damit einen der Beteiligten als schuldig und insoweit rechtsbrüchig anzusehen. Das alte deutsche Wort „schelten“ steht mit dem Begriff „Schuld“ in einem engen Zusammenhang – es bedeutet, einen anderen Menschen mit Schimpf und Schande zu belegen und sein Fehlverhalten vor aller Welt offenzulegen. Dieser Mensch verliert dabei sein Gesicht, er wird beschämt, und wird, wenn er sich selbst nicht in das Geschehen fügt, auf seine ganz persönliche Art und Weise auf Rache bzw. Revanche sinnen. Einen Konflikt so abschließend beizulegen, ist in der Regel utopisch, wie bereits die Geschichte der Blutrache aus germanischer Zeit sowie sämtliche Kriege und internationale Krisen der Geschichtsschreibung belegen.
Die Frage nach der jeweiligen Schuld überlappt dabei zusätzlich die eigentliche Frage nach der jeweiligen Verantwortung. Stellt man nämlich diese Frage, so kristallisiert sich oft heraus, dass beide Streitparteien ihren Teil zu dem jeweiligen Konflikt beigetragen haben und für diesen auch verantwortlich sind. Eine auf „Verantwortung“ basierende Streitkultur allerdings geht davon aus, dass die Beteiligten auch eine gemeinsame und tragfähige Lösung finden können, ohne die Gerichte und damit das Rechtssystem zu belasten. Eine auf „Verantwortung“ basierende Streitkultur ermöglicht es zudem für alle Beteiligten, nach außen gesichtswahrend und damit ohne eine beschämende Erfahrung, eine Lösung zu präsentieren, an der alle Konfliktparteien gemeinsam gearbeitet haben.

Das Lösungsfeld:
In zwischenmenschlichen Konflikten kann es daher oftmals sehr hilfreich sein, einen Vermittler, einen Mediator also, einzuschalten und so eine konstruktivere Streitkultur zu etablieren. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich um Konflikte und Probleme in der Arbeitswelt handelt und vielleicht sogar die eigene Arbeitsstelle durch den Konflikt bedroht ist, bzw. der Konflikt die Arbeitsabläufe ganzer Abteilungen hemmt und so zu nicht mehr kalkulierbaren, stillen Kosten führt.

Aber eben auch im Privaten, wenn es z.B. um bedeutende Werte, Trennungen mit gemeinsamen Eigentum oder gar Kindern geht, kann Mediation hilfreich sein und sogar als echte Entlastung empfunden werden. Die Vorteile der Mediation sind berechenbar: Es handelt sich um ein Verfahren, bei dem kein Gericht die Termine bestimmt, sondern die Beteiligten selbst. Auch bleiben die Kosten, im Gegensatz zu einem Rechtsstreit kalkulierbarer, da die Beteiligten selbst entscheiden, wie weit sie gehen und was sie investieren wollen. Und darüber hinaus basiert Mediation auf einer freiwilligen Vereinbarung der Beteiligten, gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, die dann auch von allen Beteiligten aus Überzeugung und/oder Einsicht getragen werden kann. In der Mediation gibt es keine Verlierer!

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Der Mediator unterstützt die Parteien, sich trotz aller emotionaler Anspannung die Sichtweise des jeweils anderen anzuhören. Oft ergibt sich bereits hier in den ersten Gesprächen die Situation, dass einer der Beteiligten dem Mediator etwas erzählt, was er dem anderen schon oft ins Gesicht gesagt hat. Nur dadurch, dass er es jetzt einem neutralen Dritten erzählt, hört der andere es nun auch aus einer anderen Perspektive – man umgeht gleichsam den Effekt, dass der Kontrahent in den Fokus gerät und so die Emotionen erneut angestachelt werden. Zudem kann der Mediator das Gehörte noch in eigene Worte fassen und, wie ein Übersetzer, so umformulieren, dass Spitzen und wertende Schärfe aus der Botschaft neutralisiert werden – das Gehörte wird hörbar und so eine konstruktive Einigung leichter möglich. Neben der Wohltat, sich selbst also einmal auszusprechen, erreicht der Klient auch, dass sein Kontrahent seine Botschaft in gelassenerer Atmosphäre aufnehmen kann. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Aktivität im Hirn erstreckt sich zunehmend wieder auf das gesamte Gehirn und die Beteiligten erhalten selbst in der konflikthaften Situation die Chance, auf ihre gesamten Erfahrungen und Lösungsmöglichkeiten gelassen zuzugreifen. Gelassen sein, heißt ja nicht zuletzt auch, (in Ruhe) gelassen zu werden.

 

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Geht es allerdings um innerpsychische Probleme, geht es also darum, den inneren Fahrplan zu überarbeiten und den Zug des Lebens erneut in die richtige Bahn zu bringen, so kann ein Coaching die Methode der Wahl sein. Dies gilt insbesondere im beruflichen Bereich, wenn es z.B. darum geht, eine neue berufliche Rolle auszufüllen, eigene Potentiale zu entwickeln oder aber Entscheidungen mit gravierenden Auswirkungen auf die Zukunft zu treffen. Hier kann es hilfreich sein, entweder durch ein konstruktives Gespräch mit einem neutralen Gesprächspartner zu Lösungen zu kommen oder auch durch angeleitete Aktivitäten Worte und Lösungen zu finden, wo bislang noch keine waren. Insbesondere der systemische Ansatz, d.h. einen Menschen nicht nur allein in seiner Persönlichkeit, sondern in seinem gesamten Beziehungsgeflecht zu betrachten, hat sich dabei als ausgesprochen hilfreich und effektiv erwiesen. Der systemische Ansatz lässt sich übrigens sehr erfolgreich in Kombination mit Interventionen aus der Hypnose nach Erickson gestalten, wie die Erfahrung gezeigt hat.

Fazit:
Für jeden Konflikt gibt es eine Lösung – sei es der innerpsychische Konflikt, aber auch der zwischenmenschliche. Nicht immer aber ist ein Mensch in der Lage, seine Konflikte aus sich selbst heraus oder mit bislang bewährten Methoden befriedigend und nachhaltig zu lösen. Manchmal bedarf es dazu der Unterstützung durch einen Außenstehenden. Das hat nichts mit Unfähigkeit oder Schwäche zu tun, sondern ist in der Regel derNiederschlag einer unzureichenden Streitkultur, die anstatt von der jeweils eigenen Verantwortung für das Geschehen von der Suche nach Schuld an dem Geschehen geprägt ist. Für mich stellen sich daher immer wieder aufs Neue die Fragen: Wie gehe ich mit Konflikten um und will ich in Zukunft meine Konflikte erleben und gestalten?

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