Hartmannsweilerkopf im November 2017

Es ist ein nasskalter Tag im November, eisiger Wind fegt durch die Bäume. Bäume – ja, heute stehen hier wieder Bäume. Vor hundert Jahren waren es nurmehr zerfetzte Stümpfe, die aus dem Labyrinth der Schützengräben und Festungen zwischen dem Stacheldraht hervorragten. Vor hundert Jahren tobte hier im Elsass die Schlacht zwischen zwei Nationen auf das Erbittertste. Meter für Meter rückten sie gegeneinander vor und vertrieben sich aus ihren Gräben – nur, um beim nächsten Angriff wieder zurückgetrieben zu werden. Weniger als 30 m war das Niemandsland zwischen den Gräben breit.

30 m bis zum Feind: Blick aus den frnzösischen Gräben (Foto: AD)

Heute ragt noch immer verrosteter Stacheldraht zwischen den Bäumen heraus. Er säumt die ehemaligen Schützengräben. Sie sind noch gut erkennbar – ich möchte nicht sagen, gut erhalten, und doch ist es so. Man fühlt den Hauch der Schlacht, wenn man durch sie hindurchwandert, sieht die Einschläge der Granaten vor dem inneren Auge, während überall noch die Trichter ihrer Aufschläge klaffen. Gras ist darüber gewachsen. Und doch, die Zeit scheint wie eingefroren. Es schaudert einen. Hier ein verfallener eingestürzter Unterstand, dort ein Graben und immer wieder die Stellungen jener, die in diesem Gemetzel ihre Seele verloren.

Vier lange Jahre tobte hier die Schlacht. Viele Gebeine sind gefunden und liegen in der Nekropole oder – mit Kreuzen versehen – auf dem nahen Soldatenfriedhof. Das ganze Gelände ist ein Friedhof, denn es liegen noch bis heute Gebeine in der Erde. Neben Gebrauchsgegenständen, Granaten und Munitionsteilen. Vom Weg abzuweichen, die Gräben und Stellungen zu verlassen, ist noch immer keine gute Idee. Der Krieg ist hier noch nicht vorbei. Eine unheimliche Stimmung liegt an diesem Novembertag über der Höhe im Elsass, auf der Zehntausende Väter, Söhne, Brüder und Freunde fielen.

Grabkreuz auf dem Soldatenfriedhof (Foto: AD)

Viele blieben bis heute namenlos. Ihre Gebeine sind gefunden, doch ihre Identität bleibt verloren – wie ihre Seele. Ein namenloses Grauen liegt über dem Ort. Auf dem Soldatenfriedhof stehen die Kreuze in Reih und Glied, wie einst jene, die in die Schlacht zogen und zuerst ihre Hoffnung und dann ihr Leben verloren. Angetreten zum letzten Appell, weht über ihnen heute die französische Nationalflagge. Doch sie umgibt eine düstere Stille. Nur der eiskalte Wind heult sein immerwährendes Klagelied auf dem Berg. Auch ich bin still – ergriffen und zutiefst bewegt schreite ich die Reihen ab, mustere die Gräber und verharre an dreien. Eines ist ein islamischer Grabstein. Er sticht in seiner Schlichtheit hervor. An zwei anderen Gräbern finde ich frische Blumen an den Kreuzen. Sie sind nicht vergessen, die hier liegen.

Ich stelle mir vor, wie ein alter Mensch Jahr für Jahr mit seiner Familie auf diesen Berg kommt und in wortloser Trauer innehält. Vermisst hier noch immer eine Tochter oder ein Sohn den Vater? Oder sucht ein Enkelkind nach Antworten, warum der geliebte Großvater nicht zurückkam? Die Erinnerung an diesem Ort ist mächtig, sie ist allgegenwärtig, sie lässt die Phantasie auf Wanderschaft gehen. Und sie mahnt die Lebenden in überwältigender Klarheit, aufeinander Acht zu geben.

Der Berg hat mich verändert. All mein Wissen aus Berichten und Büchern tritt hinter den Eindruck zurück, den die beiden blumengeschmückten Kreuze, der Stacheldraht und das Labyrinth der Schützengräben auf mich hinterlassen haben. Der Erste Weltkrieg stand in Deutschland lange im Schatten der Gräueltaten und Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges und doch ist er unbewusst in uns präsent – auch wenn wir, die wir heute leben, ihn selbst nicht erlebt haben, auch, wenn meine Generation nur den Frieden zu kennen scheint.

Deutscher Schützengraben (Foto: AD)

Der Erste Weltkrieg ist in dieser Landschaft noch immer lebendig, er hat nicht nur jene geprägt, die in den Zweiten Weltkrieg gezogen sind, sondern auch diejenigen, die die Generation meiner Eltern erzogen haben. Er ist, auch wenn uns das heute vermutlich nicht mehr bewusst ist, ein Stück unserer Identität geworden und geblieben. Die verlorenen, unruhigen Seelen, deren Körper den Schützengräben am Ende der Schlacht lebend entstiegen sind, geistern auch durch unsere Zeit. Sie flüstern leise, kaum hörbar noch, und doch immerwährend ihre Erinnerungen und ihre Botschaften in unsere heutige Welt.

Der Hartmannsweilerkopf mahnt, wie auch Verdun, bis heute, dass wir uns erinnern. Wir dürfen uns heute mit dem Abstand von beinahe hundert Jahren und drei Generationen daran erinnern, ohne uns selbst betroffen zu fühlen. Vielleicht schulden wir es aber auch den Gefallenen beider Seiten und noch mehr denen, deren Seelen auf den Schlachtfeldern geblieben sind, dass wir uns ihrer ungelebten Trauer, ihrer Ängste und Hoffnungen annehmen und ihnen so den Frieden geben können, der ihnen zu Lebzeiten verwehrt geblieben ist.

MEMENTO MORI

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